Lernen als Überlebensstrategie
Carlos Alvarez Pereira legt mit diesem Diskussionspapier des Club of Rome eine intellektuell anspruchsvolle Streitschrift vor, die zugleich nüchterne Diagnose und vorsichtiger Hoffnungsschimmer ist. Die zentrale These ist ebenso unbequem wie präzise: Die Menschheit steht nicht vor einem Wissensproblem, sondern vor einem Lernproblem – und das macht den Unterschied.
Zivilisationsfalle und drei Imperative
Ausgangspunkt ist das Jubiläum des Club-of-Rome-Klassikers The Limits to Growth (1972), der vor 50 Jahren einen planetaren Schwellenzustand vorhergesagt hat, der heute zur greifbaren Realität geworden ist. Alvarez Pereira identifiziert drei Grundspannungen moderner Gesellschaften: den ökologischen Imperativ (die endliche Biosphäre), den demokratischen Imperativ (Würde und Teilhabe) und den Rentier-Imperativ (die Privatisierung von Zukunft durch Kapitalakkumulation). Letzterer habe die anderen beiden systematisch unterlaufen – mit verheerenden Folgen.
Separation als kulturelles Grundproblem
Die tiefste Ursache liegt laut dem Autor in der westlichen Kultur der Trennung: Geist von Materie, Vernunft von Emotion, Mensch von Natur. Was einst als wissenschaftliche Methode nützlich war, ist zur kulturellen Pathologie geworden – einer Pathologie, die technologische Innovation bislang nicht heilen, sondern verschärfen konnte. Dem setzt Alvarez Pereira das afrikanische Ubuntu-Konzept und systemisches Denken à la Donella Meadows entgegen: nicht Krieg gegen Probleme, sondern Tanz mit der Komplexität.
Lernen neu denken
Das Herzstück des Textes ist eine Taxonomie des Lernens, inspiriert von Aurelio Pecceis No Limits to Learning (1979). Nicht das Anhäufen von Information, sondern das Lernen zu lernen sei entscheidend: Fragen stellen, die bestehende Rahmen sprengen; blinde Flecken aufdecken; epistemische Sicherheiten in Frage stellen. Schulen und Universitäten, so der Befund, seien nach wie vor auf Fixantworten ausgerichtet – und produzierten damit genau jene Starre, die uns in der Krise festhält.
Was diee Konzepte verbindet
Alle drei Ansätze – Alvarez Pereira, BNE und Futures Literacy – teilen dieselbe Grundkritik am bestehenden Bildungssystem: Es liefert Fixantworten auf sich wandelnde Fragen und verhindert dadurch echtes Lernen. BNE fordert explizit Gestaltungskompetenz – die Fähigkeit, Herausforderungen zu erkennen und eigene Lösungswege zu entwickeln, statt vorgegebene Antworten zu reproduzieren. Futures Literacy, entwickelt von UNESCO seit 2012, geht noch einen Schritt weiter: Es geht darum, die Zukunft als Werkzeug zu nutzen, um die Gegenwart neu zu sehen – nicht als Vorhersage, sondern als Erweiterung des Vorstellungsvermögens.
BNE: Lernen als politische Praxis
BNE verknüpft ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen im Sinne der SDGs (Unterziel 4.7 der Agenda 2030). Was Alvarez Pereira als Überwindung der Trennungskultur beschreibt, spiegelt sich in BNEs Ansatz wider, Umweltbildung, Globales Lernen, Friedenspädagogik und interkulturelle Bildung zu einem ganzheitlichen Rahmen zu verbinden. Alvarez Pereiras Warnung vor rein individuellem Verhaltenswandel – der die Interdependenzen verfehlt – findet in BNEs systemischem Anspruch ihre institutionelle Entsprechung.
Futures Literacy: Das Unbekannte bewohnen
Futures Literacy ist der konzeptuell kühnste der drei Ansätze. Rainer Miller (UNESCO) definiert sie als die Fähigkeit, diverse und multiple Zukünfte zu imaginieren – probable, preferable und reframed futures – und damit dominante Narrative zu hinterfragen. Das ist exakt das, was Alvarez Pereira mit dem Bild des Tanzes statt des Krieges meint: nicht die eine richtige Zukunft durchsetzen, sondern mit Komplexität umzugehen lernen. In der deutschen Erwachsenenbildung wird Futures Literacy mittlerweile als kompetenzbasierter Ansatz im Umgang mit offenem Wandel diskutiert.
Drei Ebenen des Lernens im Vergleich
| Dimension | Alvarez Pereira / Club of Rome | BNE | Futures Literacy | ||||
| Lernziel | Neue Weisen des Menschseins | Gestaltungskompetenz | Antizipationskompetenz | ||||
| Kritik | Trennungskultur, Rentier-Imperativ | Defizitwissen, Einzelperspektive | „Poverty of Imagination“ | ||||
| Methode | Systemdenken, Ubuntu, Emergenz | Transdisziplinarität, Partizipation | Futures Literacy Labs, Szenarien | ||||
| Bezugsrahmen | Zivilisationstheoretisch | SDGs / Agenda 2030 | Antizipationswissenschaft (UNESCO) | ||||
| Wer lernt? | Gesellschaft als Ganzes | Lernende aller Altersstufen | Bürger:innen, Entscheider:innen | ||||
Epistemische Gerechtigkeit als blinder Fleck
Ein kritischer Punkt verbindet alle drei Ansätze: die Frage, wessen Wissen zählt. Alvarez Pereira fordert explizit, Stimmen aus dem Globalen Süden und marginalisierte Perspektiven in Lernprozesse einzubeziehen. Aktuelle Forschung zu Futures Literacy warnt ebenfalls davor, dass das Konzept unter dem Deckmantel der Neutralität westliche epistemische Dominanz reproduzieren kann – und fordert stattdessen epistemic justice als Leitprinzip. BNE trägt mit dem Globalen Lernen diesen Anspruch institutionell mit, setzt ihn in der Praxis aber noch zu selten konsequent um. Kurz gesagt: Epistemic Justice ist keine Höflichkeitsgeste gegenüber Diversität, sondern eine erkenntnistheoretische Notwendigkeit – denn kein einzelnes Wissensystem ist komplex genug, um die Herausforderungen der Gegenwart allein zu bewältigen.1
Praktische Konsequenz: Das Labor als Lernform
Die konkreteste Brücke zwischen allen drei Ansätzen sind Futures Literacy Laboratories (FLL) – bislang in über 110 Laboratorien in 44 Ländern erprobt. Sie verkörpern genau das, was Alvarez Pereira theoretisch fordert: keine Top-down-Wissensvermittlung, sondern kollektive, erfahrungsbasierte Exploration von Möglichkeitsräumen. Kombiniert mit BNEs Betonung lokaler Handlungsfähigkeit entsteht ein Bildungsmodell, das nicht Antworten lehrt, sondern das Fragen selbst transformiert.
Für wen ist dieses Buch?
Das Diskussionspapier richtet sich explizit an Menschen, die sich ohnmächtig fühlen und dennoch handeln wollen – von Bildungsaktivistinnen bis zu Politikberatern. Es ist kein Rezeptbuch, es liefert keine konkreten Policy-Empfehlungen. Wer ein Handbuch für nachhaltige Transformation sucht, wird enttäuscht sein. Wer aber bereit ist, die eigenen Denkkategorien zu befragen, findet hier einen der tiefgründigsten Texte, die der Club of Rome in den letzten Jahren veröffentlicht hat.
Kritische Würdigung
Die Stärke des Textes liegt in seiner konzeptuellen Breite und Ehrlichkeit – er gibt zu, dass der Club of Rome selbst oft nicht verstanden hat, wie gesellschaftliches Lernen funktioniert. Die Schwäche liegt in der unvermeidlichen Abstraktion: Die ambitionierte Aussage, 10.000 Gemeinschaften weltweit in einen Transformationsprozess einzubinden, bleibt programmatisch. Doch vielleicht ist genau das der Punkt: Emergence lässt sich nicht planen, nur ermöglichen.
„What we all need at this point in human evolution is to learn what it takes to learn what we should learn – and learn it.“ — Aurelio Peccei, 1979
Ein wichtiges Buch für eine Zeit, in der schnelle Antworten gefragt sind – und tiefe Fragen nötig wären.
Carlos Alvarez Pereira: Learning New Ways of Becoming Human. Club of Rome / ENCI, Dezember 2021. Kostenlos verfügbar unter: https://www.clubofrome.org/publication/learning-new-ways-of-becoming-human/
1 Epistemic Justice bezeichnet Gerechtigkeit im Bereich des Wissens – also die Frage, wessen Wissen anerkannt, wessen Stimme gehört und wessen Erfahrungen als gültig betrachtet werden. Der Begriff wurde 1998 von der britischen Philosophin Miranda Fricker geprägt und in ihrem Buch Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing (2007) systematisch entfaltet.
