Ein Rückblick und eine Diskussion zum Fachvortrag von Dr. Manuel Illi, EPALE-online Veranstaltung „Next Level Erwachsenenbildung: KI als Gamechanger?“, 11.06.2026
Auf welthandeln.de widmen wir uns regelmäßig der Frage, wie wir die Welt von morgen erlernen können – sei es durch Futures Literacy, nachhaltige Bildungskonzepte oder die Inner Development Goals. Ein zentrales Puzzleteil in diesem Zukunftsdiskurs ist die technologische Transformation durch Künstliche Intelligenz. In einem aktuellen Fachvortrag beleuchtete Dr. Manuel Illi, Experte für die Verbindung von Lernen und KI in der betrieblichen Weiterbildung, wie Menschen in einer zunehmend von KI geprägten Arbeitswelt befähigt und begleitet werden können.
Der folgende Beitrag fasst die zentralen Erkenntnisse seines Vortrags inhaltlich gegliedert zusammen und diskutiert, welche Schlüsse wir daraus für zukunftsfähige Lernräume ziehen können.
Der „Mind Gamechanger“: KI ist mehr als nur ein Werkzeug
Dr. Illi warnt vor zwei Extremen, die derzeit in vielen Organisationen vorherrschen: Die völlige Überhöhung von KI als magischer Problemlöser und die Reduzierung von KI auf eine bloße Software, die man wie ein klassisches Office-Programm in einer Tool-Schulung abhandeln kann.
Er zieht einen historischen Vergleich zur Einführung des Internets in den 1990er Jahren: Damals diskutierte man leidenschaftlich, ob man Netscape oder AOL nutzen sollte – Technologien, die heute größtenteils irrelevant sind. Was blieb, war jedoch die fundamentale Veränderung durch Digitalisierung und Selbstermächtigung. Ähnlich verhält es sich mit der KI: Es geht weniger um das spezifische Tool von heute, sondern um eine tiefgreifende Kompetenzverschiebung. Die zentrale Frage lautet nicht nur, welche Aufgaben automatisiert werden, sondern: Was ist der spezifisch menschliche Beitrag, wenn Wissensarbeit zunehmend maschinell abgebildet wird?
KI-Literalität und „Self-Educability“ als neue Schlüsselkompetenzen
In einer Welt, in der KI Wissen automatisiert abrufen und verarbeiten kann, verschiebt sich der Fokus von reinem Faktenwissen hin zu Metakompetenzen. Dr. Illi stellt dabei zwei Konzepte in den Mittelpunkt:
- KI-Literalität (AI Literacy): Dies umfasst sechs Dimensionen, darunter ein grundlegendes Verständnis der Technologie, den sinnvollen Einsatz, das Delegieren an KI-Agenten, die Qualitätssicherung (z. B. das Erkennen von Halluzinationen), ethische und rechtliche Verantwortung sowie die ständige Weiterbildung.
- (Self-)Educability: Angelehnt an den Forscher Leslie Valiant, beschreibt dies die Fähigkeit, selbstkritisch zu entscheiden, welche Kompetenzen man in einem bestimmten Kontext aufbauen, pflegen oder auch ganz bewusst verkümmern lassen sollte.
Diese Metakompetenz erfordert, dass Unternehmen ihre Personalentwicklung radikal vom Individuum aus denken.
Weg von Fünfjahresplänen: Das KI-Labor als agiles Lernökosystem
In Zeiten hoher Unsicherheit greifen starre Fünfjahrespläne ins Leere. Stattdessen plädiert Dr. Illi für den Aufbau agiler, iterativer „Lernökosysteme“. Wie so etwas konkret aussehen kann, veranschaulicht er am Beispiel eines mittelständischen Chemieunternehmens:
Dort wurde ein KI-Labor als geschützter Explorationsraum für zwölf Mitarbeitende eingerichtet, die über zwölf Monate hinweg konkrete Anwendungsfälle (wie etwa einen automatisierten Besucher- und Bewirtungsbot) testen durften.
Die Erfolgsfaktoren für solche Lernräume sind:
- Klare Leitplanken: Es handelt sich nicht um unregulierte „Spielwiesen“, sondern um Experimentierräume mit konkreten Zielen und Hypothesen.
- Gesicherte Ressourcen: Mitarbeitende brauchen explizit freigegebene Zeit, Budgets und vor allem eine gesenkte Produktivitätserwartung, um sich in die Thematik einzuarbeiten.
- Transfer in die Organisation: Labore dürfen keine isolierten Inseln bleiben. Das gewonnene Wissen muss, z.B. durch interne Workshops, zurück in die Belegschaft fließen.
Strategische Verankerung und offene Herausforderungen
Ein wesentlicher Appell des Vortrags richtet sich an die Personalentwicklung (HR/L&D): Diese Bereiche dürfen nicht nur Handlanger der Geschäftsführung sein, sondern müssen aktiv einen Platz am Strategietisch einfordern. KI-Gestaltung ist eine interdisziplinäre Querschnittsarbeit, die Fachbereiche, IT, Management und Weiterbildung vereinen muss.
In der anschließenden Diskussion adressierte Dr. Illi konkrete Hürden der Praxis:
- Umgang mit Skepsis: Um Ängste abzubauen, eignen sich niedrigschwellige Formate wie „Promptathons“, in denen Mitarbeitende reale Probleme aus ihrem Arbeitsalltag mit KI-Sprachmodellen spielerisch lösen. Bei der Unternehmensführung muss hingegen oft die Dringlichkeit für das eigene Geschäftsmodell verdeutlicht werden.
- Die „Junior-Falle“: Ein ungelöstes, hochbrisantes Problem ist die zukünftige Nachwuchsentwicklung. Wenn KI-Systeme zunehmend die Arbeit von „Junior Developern“ (wie z.B. einfaches Programmieren) übernehmen, stellt sich die Frage, woher in wenigen Jahren die „Senior Developer“ kommen sollen, die KI-Code kritisch prüfen und abnehmen können. Hier müssen Unternehmen bewusst Risikomanagement betreiben und gezielt in den Kompetenzerhalt investieren.
Diskussion & Fazit für das WelthandeN
Dr. Illis Vortrag unterstreicht eindrücklich, was auch den Kern der Futures Literacy ausmacht: Die Zukunft ist kein vorgefertigter Raum, dem wir ausgeliefert sind, sondern ein Experimentierfeld, das wir durch Vorstellungskraft, Neugier und systematische Erkundung selbst gestalten können.
Sein Konzept der Self-Educability spiegelt die Inner Development Goals (IDGs) wider, insbesondere im Bereich „Denken“ (kognitive Fertigkeiten) und „Handeln“ (Wandel vorantreiben). Wenn Maschinen repetitive Wissensarbeit übernehmen, rücken menschliche Qualitäten wie kritisches Denken, ethische Urteilskraft und die Fähigkeit zur Kokreation wieder radikal in den Mittelpunkt. Die Einrichtung von geschützten Lernräumen wie dem KI-Labor ist dabei eine hervorragende Blaupause für Organisationen, die nicht nur auf Technologie reagieren, sondern eine demokratische, mitarbeiterzentrierte Lernkultur der Zukunft aktiv vorantreiben wollen.
EPALE-online Veranstaltung „Next Level Erwachsenenbildung: KI als Gamechanger?“
- Agenda: EPALE_Online_Konferenz_KI_2026_Programm.pdf
- Link zur EPALE Gruppe: Next Level Erwachsenenbildung: KI als Gamechanger? | EPALE
- Karsten Weitzenegger bei EPALE
Transparenzhinweis: Der Autor war an der zugrunde liegenden Studie nicht beteiligt. Die dargestellten Ansichten geben ausschließlich die persönliche Einschätzung des Autors wieder und sind keiner der beteiligten oder verbundenen Organisationen zuzurechnen. Einzelne Text- und Bildelemente wurden unter Einsatz künstlicher Intelligenz erstellt. Irren ist menschlich. Alle Inhalte wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert und aufbereitet. Sollten dennoch sachliche Fehler enthalten sein, wird um einen entsprechenden Hinweis per E-Mail gebeten.
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