Ein strategischer Ansatz für unser Dasein
Die Natur hat das Leben auf der Erde seit 3,8 Milliarden Jahren erfolgreich gestaltet. Kein menschliches Ingenieurswerk kommt auch nur annähernd an diese Leistung heran. Mein strategischer Ansatz, die Ko-Kreation mit der Natur, zieht daraus eine radikale Konsequenz: Wir müssen aufhören, die Natur zu managen, und anfangen, mit der Natur zu lernen. Schließlich sind wir alle Teil der Natur. Nur gemeinsam geht unser Leben immer weiter.

Die Natur als eigentliche Macherin
Ko-Kreation mit der Natur beginnt mit einem fundamentalen Perspektivwechsel. Klassisches Umweltmanagement behandelt Ökosysteme als Ressourcensysteme, die es zu optimieren gilt. Ko-Kreation hingegen anerkennt die Natur als primäre Gestalterin resilienter Systeme. Jeder Mechanismus, den die Wissenschaft entdeckt, ob Mykorrhiza-Netzwerke im Waldboden, Kohlenstoffbindung durch Cyanobakterien oder die Selbstregulation von Feuchtgebieten, existiert längst, bevor er einen wissenschaftlichen Namen erhält.
Der Mensch des Steinzeitalters und der Mensch des 21. Jahrhunderts begegnen derselben Natur. Was sich verändert hat, ist unsere Fähigkeit, ihre Sprache zu lesen. Wissenschaftlicher Fortschritt ist in diesem Sinne kein Triumph über die Natur, sondern eine wachsende Übersetzungsleistung. Ko-Kreation mit der Natur nennt diesen Lernprozess beim Namen und macht ihn zur strategischen Grundlage politischen Handelns.
Naturbasierte Lösungen als angewandte Ko-Kreation
Naturbasierte Lösungen (Nature-Based Solutions, NbS) sind bislang die institutionell ausgereifteste Annäherung an das Prinzip der Ko-Kreation. Sie setzen auf ökosystembasierte Ansätze zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen, von Hochwasserschutz über Hitzeminderung in Städten bis hin zur Wiederherstellung von Küstenökosystemen, und erweisen sich dabei als kosteneffizient und wirkungsstark.
Drei Grundprinzipien verbinden NbS mit dem Gedanken der Ko-Kreation:
- Epistemische Bescheidenheit: Traditionelles ökologisches Wissen indigener Gemeinschaften kodiert oft Jahrhunderte der Beobachtung und wird durch formale Wissenschaft zunehmend bestätigt. Es verdient denselben Status wie empirische Forschung.
- Partizipatives Design: Effektive NbS entstehen nicht am Reißbrett von Expertinnen und Experten, sondern im Dialog mit den Menschen, die in den betroffenen Ökosystemen leben und wirtschaften.
- Inklusion: Ko-Kreation schließt ausdrücklich marginalisierte Gruppen ein, deren Stimmen in der Umweltplanung systematisch zu wenig Gehör finden.
Das UN-Jahrzehnt der Ökosystemwiederherstellung
Den politischen Rahmen für Ko-Kreation mit der Natur liefert das UN-Jahrzehnt zur Ökosystemwiederherstellung (2021-2030), koordiniert unter der Federführung von UNEP und FAO. Die Botschaft von decadeonrestoration.org ist klar: Gesunde Ökosysteme sind die Grundlage menschlichen Lebens, und ihre Wiederherstellung ist sowohl ökologisch als auch kulturell eine Generationenaufgabe.
Das Jahrzehnt bündelt sechs Wiederherstellungsstrategien, die sich direkt mit dem Ansatz der Ko-Kreation verbinden lassen:
- Handeln im ganzheitlichen Maßstab statt in isolierten Einzelprojekten
- Traditionelles ökologisches Wissen als vollwertige wissenschaftliche Quelle anerkennen
- Sektorübergreifend zusammenarbeiten und Bewegungen verbinden
- Bodenbiologie und Mikrobiom-Wissenschaft als eine der komplexesten Sprachen der Natur stärken
- Kapazitäten in marginalisierten Gemeinschaften aufbauen, die den größten Schäden am nächsten sind
- Die Verbindung zwischen Ökosystemgesundheit und menschlicher Gesundheit empirisch belegen und kommunizieren
Die Schirmherrschaft der Vereinten Nationen verleiht diesem Ansatz politisches Gewicht. Ko-Kreation mit der Natur ist damit kein akademisches Konzept, sondern ein handlungsorientierter Rahmen für Staaten, Kommunen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft.
Der RECONECT-Sieben-Schritte-Pfad
Wie lässt sich Ko-Kreation mit der Natur konkret operationalisieren? Das RECONECT-Projekt, ein EU-gefördertes Forschungskonsortium, hat einen praxisorientierten Sieben-Schritte-Pfad entwickelt, der von Dushkova und Kuhlicke (2024) in der Fachzeitschrift MethodsX veröffentlicht wurde. Der Leitfaden kombiniert Design-Thinking mit partizipativen Methoden und adressiert den gesamten NbS-Lebenszyklus.
Die sieben Schritte im Überblick:
- Definieren (Define): Wo im NbS-Prozess stehen wir? Was ist das genaue Ziel der Ko-Kreation?
- Diagnostizieren (Diagnose): Wer und was ist betroffen? Welche ökologischen und sozialen Dynamiken prägen den Kontext?
- Entscheiden (Decide): Welches Partizipationsniveau ist angemessen, von passiver Information bis hin zu delegierter Bürgerverantwortung?
- Gestalten (Design): Wie entwickeln und verfeinern wir NbS-Szenarien gemeinsam mit den Beteiligten?
- Entwickeln (Develop): Wie kommunizieren wir den Entwurfsstatus, evaluieren Umsetzungsmodelle und bereiten die Realisierung vor?
- Umsetzen (Deploy): Wer übernimmt welche Rolle? Wie wird die tatsächliche Umsetzung überprüft?
- Dokumentieren (Document): Wie messen wir Wirkung, lernen aus den Ergebnissen und starten den nächsten Zyklus?
Ein begleitendes Entscheidungsmatrix-Tool mit 88 Methoden hilft Praktikerinnen und Praktikern, für jeden Schritt das passende Instrument auszuwählen, abgestimmt auf Ziel, Ressourcen und lokale Kapazitäten. Entscheidend ist: Der Pfad ist kein linearer Prozess. Die Dokumentationsphase speist ihre Erkenntnisse direkt in einen neuen Zyklus ein. Ko-Kreation mit der Natur ist ein fortlaufendes Gespräch, kein einmaliges Projekt.
Ein philosophisches Fundament
Die Gaia-Theorie von James Lovelock beschreibt die Erde und ihre Lebewesen als selbstregulierendes System, das trotz sich verändernder Sonneneinstrahlung und Atmosphäre über geologische Zeiträume hinweg lebensfreundliche Bedingungen aufrechterhalten hat. Ko-Kreation mit der Natur macht aus dieser wissenschaftlichen Einsicht eine strategische Haltung: Wenn die Natur seit Milliarden von Jahren erfolgreich Leben trägt, dann ist die angemessene Grundhaltung des Menschen nicht Beherrschung, sondern Lernen mit der Natur.
Was die Wissenschaft morgen entdecken wird, praktiziert die Natur bereits seit Jahrmillionen. Einen neuen Rückkopplungsmechanismus, eine unbekannte Symbiose, eine verborgene Form der Kohlenstoffspeicherung: All das war schon da, bevor wir überhaupt anfingen zu suchen. Jüngste Forschungsergebnisse bestätigen das immer wieder, zuletzt die Entdeckung, dass schwedische Urwälder doppelt so viel Kohlenstoff im Boden speichern wie bisher angenommen, oder die Identifikation von Archaeen, die elementaren Kohlenstoff als bisher unbekannte Kohlenstoffsenke in Sedimenten ablagern. Die Natur stellt keine Patentanträge. Sie wartet schlicht darauf, dass wir endlich besser zuhören.
Dieser Beitrag erscheint zuerst auf WelthandelN.de im Kontext #GenerationRestoration: UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen. Text und Bild wurden von KI unterstützt. Weiterführende Informationen: www.decadeonrestoration.org
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