Rezension: „Communities of Practice within and across Organizations. A Guidebook“ (2. Auflage) von Etienne Wenger-Trayner, Beverly Wenger-Trayner, Phil Reid und Claude Bruderlein
Es gibt Bücher, die man aufschlägt und sofort weiß: Dieses Werk kennt die Praxis. Das neue Guidebook von Etienne und Beverly Wenger-Trayner, entstanden in Zusammenarbeit mit Phil Reid (JPMorgan Chase) und Claude Bruderlein (IKRK/Harvard), ist ein solches Buch. Mit über 250 Seiten ist es kein schmales Begleitheft, sondern ein umfassendes Nachschlagewerk für alle, die Communities of Practice (CoP) aufbauen, begleiten oder evaluieren wollen.
Warum dieses Buch jetzt?
Wissensmanagement ist in Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, in NGOs und in internationalen Institutionen längst kein Fremdwort mehr. Doch zwischen dem Wunsch, institutionelles Lernen zu fördern, und einer funktionierenden Praxis klafft oft eine erhebliche Lücke. Genau hier setzt das Guidebook an: nicht als Rezept, sondern als strukturierter Reflexionsrahmen. Die Autorinnen und Autoren betonen ausdrücklich, dass kein Buch gelesen werden muss, um mit einer CoP zu beginnen. Diese Bescheidenheit ist programmatisch für den gesamten Band.
Drei Geschichten, ein Buch
Das Herzstück des Buches ist seine ungewöhnliche Erzählstruktur: Es verwebt drei voneinander unabhängige Erfahrungslinien zu einem kohärenten Gesamtbild.
- Die konzeptionelle Linie von Etienne und Beverly Wenger-Trayner: Jahrzehnte der Beratungs- und Forschungserfahrung mit CoPs aller Größen und Sektoren.
- Die Unternehmensgeschichte „Ignite“ bei JPMorgan Chase: eine bottom-up gewachsene globale Initiative für eine Technologiebelegschaft von über 55.000 Menschen, die 2016 als kleines Experiment begann.
- Die humanitäre Geschichte des CCHN: Eine weltweite Cross-Organizational Community of Practice für Frontline-Verhandlungsführerinnen und -verhandlungsführer in Krisengebieten, entstanden unter dem Dach des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.
Besonders wertvoll: Keine der beiden Praxisinitiativen wurde von den theoretischen Autoren begleitet oder beraten. Beide Teams fanden das konzeptionelle Werk der Wenger-Trayners erst im Nachhinein und erkannten darin eine Sprache für das, was sie bereits getan hatten. Aus dieser Begegnung entstand das Buch. Für Leserinnen und Leser bedeutet das: Es handelt sich nicht um theoretisch verkleidete Beraterwerbung, sondern um organisch gewachsene Praxis.

Sechs Kapitel, klare Hierarchie
Das Buch gliedert sich in sechs thematische Kapitel:
- Einführung in das Konzept mit Abgrenzung zu Teams, Task Forces, Netzwerken und Trainingsformaten
- Die Organisationsperspektive: Rollen, Sponsoring, Sichtbarkeit und Kapazitätsaufbau auf Initiative-Ebene
- Kultivierung einzelner Communities: Lebenszyklus, Führung, Grenzen, Launch und sieben Dimensionen der Reife
- Meetings und Aktivitäten: Facilitation-Kunst, über 20 konkrete Lernformate mit Anleitungen
- Technologie: Post-COVID-Reflexionen, Hybridformate, Tool-Konfiguration
- Evaluation: Das Value-Creation-Framework als Herzstück der Wirkungsmessung
Eine Appendix mit der Geschichte des Bierkonzerns ABInBev, erzählt von Monica Ramirez, rundet die zweite Auflage ab und bietet bewusst einen Kontrapunkt zum bottom-up-Ansatz von JPMorgan.
Was praktisch wirklich nützlich ist
Das Dreieck Domain, Community, Practice
Das konzeptionelle Fundament des Buches ist das Dreieck aus Domain (Worum geht es? Womit identifizieren sich die Mitglieder?), Community (Wer gehört dazu? Welche Beziehungen entstehen?) und Practice (Was tun die Mitglieder gemeinsam? Was verändert sich in der Praxis?). Dieses einfache Modell hat sich in der Praxis vieler Organisationen als außerordentlich nützliches Diagnose- und Planungswerkzeug bewährt. Es hilft, treffgenau zu unterscheiden, ob eine Gruppe tatsächlich eine CoP ist oder doch eher eine Projektgruppe, ein Netzwerk oder ein Trainingsprogramm.
Der Lebenszyklus und die sieben Reifedimensionen
Besonders instruktiv ist das Kapitel über die Reife einer Community of Practice. Die Autorinnen und Autoren beschreiben sieben Dimensionen, entlang derer eine CoP gezielt weiterentwickelt werden kann: Pushing the Practice, Stewarding the Domain, Structuring the Community, Nurturing Identification, Clarifying and Distributing Leadership, Cultivating Self-Awareness und Orienting to the Context. Jede Dimension wird nicht als Checkliste, sondern als Reflexionsfrage formuliert. Das macht den Unterschied zwischen einem Handbuch und einem echten Begleitinstrument.
Über 20 konkrete Aktivitäten
Kapitel 4 ist das, was viele Community-Facilitatorinnen und -Facilitatoren an anderen Büchern vermissen: Es liefert konkrete, erprobte Formate. Von der Case Clinic über das Fishbowl, den World Café, die Practice Matrix bis hin zum Shared Timeline werden Aktivitäten mit Zweck, Prozess und Variationen beschrieben. Wer jemals vor der Frage stand, wie man ein einstündiges Online-Meeting gestaltet, das tatsächlich Lernwert hat, findet hier direkt einsetzbare Antworten.
Das Value-Creation-Framework
Evaluierung bleibt in der CoP-Welt oft ein Stiefkind. Das sechste Kapitel adressiert dies mit dem Value-Creation-Framework, das vier Grundzyklen der Wertschöpfung beschreibt und Monitoring-Indikatoren mit qualitativen Wertschöpfungsgeschichten verbindet. Gerade für Organisationen der internationalen Zusammenarbeit, die gegenüber Gebern rechenschaftspflichtig sind, ist dieser Ansatz ein wichtiger Beitrag zur Wirkungsmessung von Wissensmanagement-Initiativen.
Kritische Würdigung
Das Buch ist, ehrlich gesagt, nicht dünn. Die Autorinnen und Autoren räumen das selbst ein und empfehlen, das Inhaltsverzeichnis als Navigationshilfe zu nutzen. Tatsächlich lässt sich das Werk hervorragend als Nachschlagewerk lesen, ohne es von vorne bis hinten zu konsumieren. Wer die konzeptionellen Kapitel bereits kennt, kann direkt in die Praxiskapitel einsteigen. Wer eine konkrete Aktivität sucht, greift direkt zu Kapitel 4. Die Dreispaltigkeit des Textes, mit Rahmenboxen für die Ignite-Geschichte und das CCHN, ist beim digitalen Lesen gelegentlich etwas unübersichtlich. In der gedruckten Farbversion der zweiten Auflage, die über Amazon erhältlich ist, kommt das Layout besser zur Geltung.
Auffällig positiv: Das Buch vermeidet konsequent den Gestus der einzig richtigen Methode. Die ABInBev-Geschichte im Anhang, mit top-down-Start, Zertifizierungsprozessen und Agile-Elementen, steht bewusst im Kontrast zur bottom-up-Kultur bei JPMorgan Chase. Diese intellektuelle Redlichkeit ist selten und wertvoll.
Für wen ist das Buch?
Das Guidebook richtet sich explizit an mehrere Zielgruppen:
- Initiative Leaders in Organisationen, die CoPs strategisch einsetzen wollen
- Community Leaders und Facilitatorinnen, die einzelne Communities kultivieren
- Sponsorinnen und Sponsoren, die verstehen wollen, was ihre Unterstützung bewirkt
- Mitglieder, die in ihrer Community Verantwortung übernehmen
Für die Entwicklungszusammenarbeit besonders relevant: Das CCHN-Beispiel zeigt, wie Communities of Practice in fragilen, politisch sensiblen Kontexten über Organisationsgrenzen hinweg funktionieren können und welche Governance-Fragen dabei entstehen. Das ist direkt übertragbar auf Bereiche wie Biodiversitätsfinanzierung, Anti-Korruption oder ländliche Entwicklung, in denen sektorübergreifendes Lernen über Netzwerke oft wichtiger ist als formale Trainingsformate.
Fazit und Empfehlung
Dieses Buch schließt eine echte Lücke. Es verbindet konzeptionelle Tiefe mit handwerklicher Konkretheit, ohne dabei in Rezeptologie zu verfallen. Wer Communities of Practice nicht nur verstehen, sondern wirklich gestalten will, findet hier einen verlässlichen Begleiter, den man immer wieder aufschlägt, je nachdem, welche Frage gerade drängt.
Die zweite Auflage ist kostenlos als PDF verfügbar und liegt mittlerweile auch in einer ukrainischen und arabischen Übersetzung vor . Das spricht für die Reichweite und Relevanz des Werkes weit über den englischsprachigen Raum hinaus.
Bewertung: Sehr empfehlenswert für alle, die in Organisationen lernen lassen wollen, anstatt nur zu schulen.
Das Buch ist kostenlos als PDF herunterladbar unter: wenger-trayner.com/cop-guidebook. Eine gedruckte Farbversion ist im Buchhandel erhältlich.
Zuerst veröffentlicht auf WelthandelN.de | Kategorie: Wissensmanagement, Organisationales Lernen
Text und Bild von KI unterstützt.
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