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Wie das Unmögliche möglich wird: Ein neues Fortschrittsnarrativ aus der Zukunfstforschung

(TL;DR) Wir stecken in multiplen Krisen – doch Werner Mittelstaedt zeigt, wie ein neues Fortschrittsnarrativ Auswege eröffnet: weg vom Wachstumsfetisch, hin zu Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen, gestärkter Demokratie, verantwortlicher KI, humaner Migration, wirksamem Klima‑ und Biodiversitätsschutz, Sicherheit ohne Rüstungswahn und zukunftsfähiger Bildung. Ein kompaktes Buch für alle, die Politik wieder vom Ziel her denken wollen – Rezension jetzt auf welthandeln.de.

Werner Mittelstaedt legt mit „Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ“ ein kompaktes, aber programmatisches Buch zur Lage der Menschheit vor, das sich ausdrücklich an eine politisch interessierte, zukunftsorientierte Öffentlichkeit richtet. Ausgangspunkt ist die Diagnose multipler Krisen – von Klima und Biodiversität über Demokratie und Migration bis hin zu Sicherheitspolitik und Bildungsfragen –, verbunden mit der These, dass diese Felder nur als zusammenhängendes Problemgefüge verstanden und bearbeitet werden können. Mittelstaedt knüpft damit an seine frühere kritische Zukunftsforschung an, in der er seit den 1980er‑Jahren Grenzen des Wachstums, Fortschrittsverständnis und Nachhaltigkeit systematisch reflektiert hat.

Autor und Ansatz

Mittelstaedt gehört zu den prägenden Stimmen einer kritischen, normativ ausgerichteten Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum und verbindet seit Jahrzehnten ökologische, sozial‑politische und technologische Perspektiven. Er versteht Zukunftsforschung nicht als Prognostik, sondern als Arbeit an „wünschbaren Zukünften“, die Handlungsoptionen sichtbar machen und politische Kurskorrekturen anstoßen sollen. Das neue Buch setzt diesen Ansatz fort: Es bündelt seine bisherigen Überlegungen zu Klima, Ressourcen, Demokratie und Gesellschaft in einem explizit als „Fortschrittsnarrativ“ markierten Entwurf.

Inhaltliche Leitthesen

Im Zentrum stehen mehrere miteinander verschränkte Politikfelder: Wohlstandsmodelle, der Umgang mit Künstlicher Intelligenz, die Stärkung liberaler Demokratien, humane Migration, Klima‑ und Biodiversitätsschutz, Sicherheits‑ und Rüstungspolitik, Bildung sowie Belohnungs‑ und Anreizsysteme. Mittelstaedt argumentiert, dass herkömmlicher Fortschritt – gemessen an Wachstum, technologischer Beschleunigung und materiellem Lebensstandard – im Anthropozän selbst zur Gefahrenquelle geworden ist und nur durch eine Neudefinition von Wohlstand und Lebensqualität tragfähig gemacht werden kann. Statt technokratischer Krisenverwaltung fordert er ein evolutionär orientiertes Verständnis von Transformation, das demokratische Beteiligung, ökologische Grenzen und globale Gerechtigkeit zusammenführt.

Die Hauptthesen des neuen Fortschrittsnarrativs bei Mittelstaedt lassen sich in wenigen Kernen zusammenfassen.

1. Fortschritt neu definieren

  • Fortschritt darf nicht länger primär als quantitatives Wirtschaftswachstum verstanden werden, sondern als qualitatives Mehr an Lebensqualität innerhalb ökologischer Grenzen.
  • Dazu gehört eine „Wachstumswende“, die Ressourcenverbrauch, Emissionen und Zerstörung der Biosphäre konsequent begrenzt und Verzicht als Gewinn an Zukunftsfähigkeit deutet.

2. Integrierter Blick auf Krisenfelder

  • Wohlstand, KI, Demokratie, Migration, Klima‑ und Biodiversitätsschutz, Sicherheit, Bildung und Belohnungssysteme werden als eng verknüpftes Problem‑ und Gestaltungsfeld verstanden, nicht als getrennte Ressorts.
  • Politik muss deshalb kohärent handeln: etwa Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit, Sicherheits‑ und Abrüstungspolitik oder Digitalisierung und Demokratie gemeinsam denken.

3. Leitplanken für zentrale Politikfelder

  • Ökonomie: Umbau von einer wachstumsfixierten zu einer nachhaltig und gerecht ausgerichteten Wirtschaftsordnung („Wachstumswende“, andere Wohlstandsindikatoren).
  • KI: Technischer Fortschritt soll in den Dienst von Demokratie, Teilhabe und Nachhaltigkeit gestellt werden, statt Überwachung, Manipulation und Ungleichheit zu verstärken.
  • Demokratie: Liberale Demokratien müssen widerstandsfähiger und beteiligungsorientierter werden, um Krisen, Populismus und Autoritarismus standzuhalten.
  • Migration: Humane, menschenrechtsbasierte Migrationspolitik wird als Bestandteil globaler Gerechtigkeit und friedlicher Koexistenz begriffen.
  • Klima/Biodiversität: Wirksamer Klima‑ und Biodiversitätsschutz sind nicht nur ein Politikfeld, sondern materielle Grundlage allen künftigen Fortschritts.
  • Sicherheit: Sicherheit soll ohne Rüstungseskalation erreicht werden, durch Deeskalation, Kooperation und Krisenprävention.
  • Bildung und Belohnungssysteme: Bildung muss auf Zukunftskompetenzen, kritisches Denken und Verantwortungsbewusstsein ausgerichtet werden, Belohnungssysteme auf nachhaltiges, kooperatives Verhalten.

4. Evolutionäre Transformation statt Fatalismus

  • Die gegenwärtige Lage wird ohne Beschönigung als hochriskant beschrieben, dennoch betont Mittelstaedt, dass große Transformationen schrittweise und evolutionär möglich sind.
  • Zukunftsforschung soll Hoffnung durch konkrete „Zukunftsbilder“ schaffen, die zeigen, wie alternative Pfade aussehen könnten, statt nur Kollapsszenarien zu wiederholen.

5. Beteiligung aller: „Unmögliches“ politisch machen

  • „Unmögliches möglich machen“ heißt: gesellschaftliche Ziele so klar formulieren und erzählen, dass sie politisch mehrheitsfähig und institutionell verfolgbar werden.
  • Jede und jeder wird als Akteur adressiert – vom Individuum über Kommunen und Zivilgesellschaft bis zu Staat und Wirtschaft –, weil nur das Zusammenwirken dieser Ebenen die nötige Kurskorrektur tragen kann.
  • Stärken des Buches

Besonders überzeugend ist die Verbindung von analytischer Nüchternheit mit einem dezidiert handlungsorientierten Optimismus. Mittelstaedt benennt Kollapsrisiken – etwa durch Klimakrise, Ressourcenübernutzung, militärische Eskalationen und die Marginalisierung des Massenaussterbens – ohne in Alarmismus zu verfallen, sondern leitet daraus konkrete Stellschrauben für Kurskorrekturen ab. Die Stärke des Buches liegt dabei weniger in originellen Einzelerkenntnissen, sondern in der systematischen Verknüpfung von Politikfeldern und der politischen Zumutung an die Lesenden: Dass „Unmögliches“ nur dann möglich wird, wenn es als Ziel überhaupt formuliert, politisch erzählt und praktisch angegangen wird.

Kritik und Einordnung

Kritisch ließe sich anmerken, dass das Buch – wie große Teile der transformatorischen Debatte – stark auf normative Leitbilder und weniger auf die konfliktreiche Realität politischer Aushandlungsprozesse eingeht. Fragen der Machtverhältnisse, der ökonomischen Interessen und der politischen Blockaden werden zwar thematisiert, bleiben aber gegenüber der Entfaltung des Fortschrittsnarrativs teilweise unterbelichtet. Wer konkrete Strategien zur Durchsetzung ambitionierter Klima‑, Sozial‑ und Sicherheitspolitik in bestehenden institutionellen Arenen sucht, wird eher skizzenhafte Antworten finden. Gleichwohl fügt sich Mittelstaedts Entwurf in eine Reihe aktueller Arbeiten ein, die angesichts von Klimakrise, Krieg und Autoritarismus um ein positives, demokratisch anschlussfähiges Zukunftsbild ringen.

Fazit

Für uns bei WelthandelN.de ist das Buch eine anregende, gut anschlussfähige Lektüre, weil es klassische Themen internationaler Politik – Klimagerechtigkeit, Migration, Frieden, globale Ungleichheit – mit der Frage nach dem „richtigen“ Fortschritt verknüpft. Es eignet sich weniger als Einstiegswerk in einzelne Politikfelder, sondern als Denkanstoß für alle, die an einer kohärenten, normativ begründeten Transformationsperspektive interessiert sind – in Ministerien, Zivilgesellschaft, Kommunalpolitik oder Bildungsarbeit. Wer eine fundierte, humanistisch geerdete Kritik des bestehenden Fortschrittsmodells sucht und zugleich wissen will, wie „unmöglich“ erscheinende Veränderungen politisch erzählbar gemacht werden können, findet in Mittelstaedts Skizzen einen lohnenden Bezugspunkt.

Das Buch

Mittelstaedt, Werner (2026): Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ. Berlin: Frank & Timme, 1. Auflage, ISBN 978‑3‑7329‑1185‑1. https://www.werner-mittelstaedt.com/meine-buecher.html


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