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Bananenrepubliken, Biopiraterie und die Kraft der Empörung: Warum „politische Pflanzen“ lehrreich sind

Last updated on 15. Januar 2026

In der aktuellen Bildungslandschaft wird die Klimakrise intensiv diskutiert, doch ihr „stiller Zwilling“, das massive Artensterben, bleibt oft im Schatten. Dabei bilden Pflanzen die essenzielle Lebensgrundlage unseres Planeten. Am 12.01.26 diskutierten wir beim BNE-Stammtisch mit Prof. Dr. Bernd Overwien (Seniorprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin) über einen faszinierenden Ansatz: Die „politische Pflanze“ als Hebel für Globales Lernen und eine transformative Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Der BNE-Stammtisch wurde von Jürgen Forkel-Schubert initiiert, wird nun von Philip Zerweck, BBNE-EcoNet mitorganisiert und trifft sich jeden ersten Montag im Monat um 20 Uhr online. Anmeldung, Einladung & Organisation unter philip.zerweck @f-bb.de

Was macht eine Pflanze „politisch“?

Auf den ersten Blick wirkt der Begriff paradox: Pflanzen können nicht selbst handeln. Doch sie werden politisch, sobald sie Gegenstand von Interessen, Konflikten, Gesetzen und Machtansprüchen sind. Professor Overwien verdeutlicht dies an zwei Ebenen:

  1. Ökologische Steuerung: Wildpflanzen wie die Pechnelke werden politisch, weil ihre Überlebenschancen direkt von der Landwirtschafts- und Naturschutzpolitik abhängen. Wenn Bienen durch Pestizide wie Glyphosat „betrunken“ werden, führt der Weg der Pflanze direkt in die Gremien der EU.
  2. Ökonomische und soziale Verflechtung: Nutzpflanzen aus dem globalen Süden – Kaffee, Kakao, Baumwolle oder Kautschuk – sind tief in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. Hier stellen sich sofort Fragen nach Arbeitsbedingungen, gerechten Löhnen und der Verteilung von Wohlstand.

Die Pflanze als Archiv der Kolonialgeschichte

Ein historischer Blick zeigt, dass Pflanzen oft mit Gewalt und Raub in unsere Gärten kamen. Der Begriff der „Political Plant“ wurde bereits um 1700 von der Naturforscherin Maria Sibylla Merian geprägt. Sie beschrieb, wie versklavte Frauen den Samen des Pfauenstrauchs zur Abtreibung nutzten, um ihren Kindern ein Leben in Unfreiheit zu ersparen – ein Akt des pflanzlich unterstützten Widerstands gegen das Kolonialsystem.

Viele unserer heutigen Alltagspflanzen haben eine dunkle Geschichte der Biopiraterie:

  • Chinarinde: Der Botaniker Justus Karl Haßkarl raubte Samen in Peru, um den Grundstoff für Chinin nach Java zu bringen – dies ermöglichte erst die großflächige Kolonialisierung Afrikas durch den Schutz vor Malaria.
  • Tee: Britische Agenten stahlen Teepflanzen in China, um das Monopol des Kaisers zu brechen und Plantagen in Indien aufzubauen.
  • Baumwolle: Sie war der eigentliche Treibstoff der industriellen Revolution, untrennbar verbunden mit dem Leid der Sklaverei.

Vom Wissen zum Handeln: Didaktische Impulse

Wie können wir dieses komplexe Wissen in die Bildungspraxis überführen, ohne die Lernenden in Ohnmacht zu stürzen? Die Diskussion am Stammtisch machte deutlich, dass reine Empörung allein oft zu Frustration führt. Stattdessen brauchen wir Lernangebote, die Handlungswirksamkeit erfahrbar machen.

  1. Außerschulische Lernorte nutzen: Das Projekt „WeltGarten“ im Tropengewächshaus Witzenhausen zeigt, wie es geht. Schüler:innen können dort Pflanzen wie die Ölpalme oder den Kakaobaum direkt erleben und an Stationen forschend die ökologischen und sozialen Hintergründe erarbeiten.
  2. Das Private ist politisch: Der weite Politikbegriff hilft uns, den Alltag zu analysieren. Die Geschichte der „Bananenfrauen“ aus Frauenfeld ist hierbei ein leuchtendes Beispiel: Aus der Empörung über Arbeitsbedingungen auf Plantagen entstand in den 70er Jahren eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die den Fairen Handel bis in die Supermärkte trug.
  3. Gestaltungskompetenz im Handwerk: Ein wichtiger Impuls aus der Runde war die Rückbesinnung auf das Selbermachen. Ob im Schulgarten oder beim Nähen eines eigenen Hemdes – wer versteht, wie Rohstoffe wachsen und verarbeitet werden, entzieht sich der reinen Konsumentenrolle und entwickelt eine tiefere Wertschätzung für die Natur.

Fazit für die Bildungspraxis

Für WelthandelN sehe ich in der „politischen Pflanze“ eine enorme Chance, Abstraktes greifbar zu machen. Die Pflanze dient als Brücke zwischen der lokalen Lebenswelt (der Schokolade im Regal) und globalen Strukturen (Kolonialgeschichte und Handelsrecht).

Wir müssen jedoch kritisch bleiben: BNE darf nicht nur auf die individuelle Konsumverantwortung abzielen. Es geht darum, Pflanzen als Teil globaler Vereinbarungen wie der Biodiversitäts-Konvention zu begreifen und junge Menschen zu befähigen, politische Veränderungen einzufordern. Pflanzen sind niemals unpolitisch – sie sind Eigentum, Gemeingut und unsere gemeinsame Zukunft.

Mehr dazu

Hier sind die Literaturangaben, die auf den Quellen und dem behandelten Thema der „politischen Pflanzen“ basieren:

Der zentrale Aufsatz zur Online-Akademie und zum Stammtisch

  • Overwien, Bernd (2022): Politische Pflanzen. In: ZEP: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 45. Jahrgang, Heft 2, S. 4–8. Online: https://www.pedocs.de/volltexte/2022/25298/pdf/ZEP_2_2022_Overwien_Politische_Pflanzen.pdf
  • Overwien, Bernd (2016): Politische Pflanzen im Globalen Lernen. In: Journal politische Bildung, 4(16), S. 27–29.

Historische und globale Perspektiven (Pflanzenjäger, Kolonialismus & Kapitalismus)

  • Beckert, Sven (2015): King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus. 3. Auflage. München: C.H. Beck.
  • Hochschild, Adam (2021): Schatten über dem Kongo. 11. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Rose, Sarah (2010): For all the Tea in China. Espionage, empire and the secret formula for the world’s favourite drink. London: Arrow.
  • Schiebinger, Londa (2004): Plants and Empire. Colonial Bioprospecting in the Atlantic World. Cambridge: Harvard University Press.
  • Wulf, Andrea (2015): Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. 7. Auflage. München: Bertelsmann.

Didaktik und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

  • Asbrand, Barbara & Scheunpflug, Annette (2005): Globales Lernen. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Schwalbach/Ts., S. 469–484.
  • Hethke, Marina; Menzel, Susanne & Overwien, Bernd (2010): Das Potenzial von Botanischen Gärten als Lernorte zum Globalen Lernen. In: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, Heft 3, S. 16–20.
  • KMK/BMZ (2025): Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung.
  • Portal Globales Lernen, Themenseite: https://www.globaleslernen.de/de/bildungsangebote/die-politische-pflanze-pflanzen-wissen-engagement

Bananen, Aktivismus und Fair Trade

  • Schlesinger, Stephen & Kinzler, Stephen (1986): Bananen-Krieg. Das Exempel Guatemala. München: Nomos.
  • Skrodzki, Jürgen & Brunner, Ursula (1988): Bananen: Konsequenzen des guten Geschmacks. St. Gallen et al.: Edition diá.
  • Stocker, Thomas (2009): Fairtrade: Die Bananenfrau. In: Beobachter, Heft 9.

Philosophische und botanische Grundlagen

  • Coccia, Emanuele (2020): Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen. München: Hanser.
  • Mancuso, Stefano & Viola, Alessandra (2015): Die Intelligenz der Pflanzen. München: Kunstmann.

Diese Liste bietet eine umfassende Grundlage, um die ökonomischen, ökologischen und sozialen Verflechtungen von Pflanzen im Bildungskontext zu vertiefen.

Text und Bild unterstützt von NotebookLM.


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