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Navigationshilfe im Dschungel der Transformation: Das SETER-Framework

(tl;dr) Das SETER-Framework der JKU Linz bringt Ordnung in das Wirrwarr der Transformationsdebatten. Es zeigt, auf welcher ökonomischen Logik unsere Zukunftsvisionen beruhen – Wachstum, Daseinsvorsorge oder Leben in planetaren Grenzen. Für Politikberatung, Projektentwicklung und öffentliche Diskussion ist es ein Werkzeug, das versteckte Widersprüche sichtbar macht und hilft, nachhaltige Strategien ehrlicher zu gestalten. Wer Transformation will, sollte wissen, auf welchem Boden sie wächst.

Wir leben in einer Zeit der Polykrise. Klimawandel, soziale Ungleichheit und geopolitische Spannungen überlagern sich und fordern uns zum Handeln auf. Doch „Handeln“ ist nicht gleich „Handeln“. Wenn wir über sozial-ökologische Transformationen (SET) sprechen, reden wir oft aneinander vorbei. Der eine meint „Green Growth“ durch Technologie, der andere „Degrowth“ durch Verzicht.

Wie behalten wir hier den Überblick?

Eine neue Publikation der Johannes Kepler Universität Linz liefert uns dafür ein mächtiges Werkzeug: Das SETER-Framework (Socio-Ecological Transformation Economics Research). Es ist im Grunde ein Bestimmungsschlüssel für die ökonomische DNA von Zukunftsvisionen. Für uns auf welthandeln.de ist das mehr als nur Theorie – es ist ein Diagnoseinstrument für die Praxis.

Was ist das SETER-Framework?

Die Autoren Stephan Pühringer und Lukas Bäuerle haben ein Raster entwickelt, um die oft schwammigen Debatten über Nachhaltigkeit in neun klare Kategorien zu zerlegen. Sie argumentieren: Jede Vorstellung von Transformation basiert auf einer spezifischen „Ökonomischen Vernunft“ (Economic Reasoning).

Das Framework fragt bei jedem politischen Vorschlag (sei es der EU Green Deal oder ein lokales Entwicklungsprojekt) knallhart nach:

  1. Ökonomisches Ziel: Geht es um Wachstum, Effizienz, Daseinsvorsorge oder das Leben in planetaren Grenzen?

  2. Natur-Verhältnis: Sehen wir Natur als Ressource (Dominanz) oder als Partner (Interdependenz)?

  3. Technologie: Ist sie der Retter (Techno-Optimismus) oder Teil des Problems (Techno-Skepsis)?

  4. Rolle des Staates: Soll er nur regulieren, aktiv investieren oder gar planen?

  5. Akteure: Wer treibt den Wandel? Eine technokratische Elite oder eine radikale Demokratie?

(Das Framework umfasst insgesamt 9 Dimensionen, inklusive räumlicher Skalierung und sozialer Kohäsion).

Warum ist das für WelthandelN relevant?

Als Berater und Projektentwickler stehen wir oft zwischen den Fronten. Ein Klient möchte „Biodiversitätsfinanzierung“, denkt aber in Kategorien der Markteffizienz. Ein Partner im Globalen Süden fordert „Klimagerechtigkeit“, meint aber massive Infrastrukturinvestitionen.

Das SETER-Framework hilft uns, diese Konflikte nicht als „Missverständnisse“, sondern als systemische Logikfehler oder legitime Zielkonflikte zu identifizieren.

1. Als Diagnose-Tool in der Politikberatung

Wenn wir Strategiepapiere analysieren – sei es für Ministerien oder NGOs – können wir mit SETER sofort den „ökonomischen Unterbau“ freilegen.
Beispiel: Ein Projekt verspricht „radikale Transformation“ (Kategorie 8: Dynamik), setzt aber auf reine Marktmechanismen (Kategorie 2: Institutionen) und ignoriert Verteilungsfragen (Kategorie 7: Kohäsion). Das Framework zeigt sofort: Hier klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Instrumentarium. Wir können präziser beraten, weil wir die Inkonsistenzen benennen können.

2. Für das Design von Entwicklungsprojekten

In meiner Arbeit mit Design-Thinking-Ansätzen ist Klarheit entscheidend. Wenn wir Maßnahmen für Biodiversitätsschutz entwerfen, müssen wir uns entscheiden: Folgen wir der Logik der „Commodification“ (Natur hat einen Preis) oder der „Commons“ (Natur ist Gemeingut)? Das Framework zwingt uns, diese Entscheidung explizit zu machen, statt sie in vagen Nachhaltigkeitsfloskeln zu verstecken.

3. Debatten schärfen

In der öffentlichen Debatte wird oft alles in einen Topf geworfen. Mit dem SETER-Framework können wir journalistisch sauber trennen: Der EU Green Deal ist ein klassisches „Green Growth“-Narrativ (Wachstum + Techno-Optimismus). Kōhei Saitōs „Systemsturz“ ist ein „Degrowth“-Narrativ (Daseinsvorsorge + Commons). Beides sind legitime, aber völlig unterschiedliche Pfade. Wer „Transformation“ sagt, muss Farbe bekennen.

Fazit: Den Garten bestellen, aber mit welchem Plan?

Um eine Metapher aus meinem Garten zu bemühen: Wir können nicht gleichzeitig englischen Rasen (Kontrolle & Monokultur) und eine wilde Streuobstwiese (Biodiversität & Resilienz) auf demselben Quadratmeter anlegen. Wir müssen uns für ein Pflegekonzept entscheiden.

Das SETER-Framework ist der Bodenanalysator für unsere politischen Gärten. Es sagt uns nicht, was wir pflanzen sollen, aber es sagt uns, ob der Boden (unsere ökonomischen Annahmen) überhaupt für die gewünschte Ernte (eine nachhaltige Welt) geeignet ist.

Für welthandeln.de bedeutet das: Lassen Sie uns akademische Strenge nutzen, um praktisches Handeln ehrlicher und wirksamer zu machen.


Weiterführende Literatur:
Pühringer, S. & Bäuerle, L. (2024). The Economics of Socio-Ecological Transformations: A conceptual framework. JKU Linz. Link zur Publikation


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